Mit Zuversicht ins Ungewisse

Andreas Inama
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Zuversicht ist das Wort der Stunde: Obwohl gerade wohl das Auge des Coronasturms erreicht wurde, spricht man bei der Landesregierung weiter über die Entwicklung, vor allem im wirtschaftlichen Sinne, des Landes. Dabei gleicht die momentane Situation und die teilweise den Umständen bedingt inhaltlosen Aussagen in den Pressemitteilungen vonseiten der Politik eher einem Marsch ins Ungewisse. Wie auf dem Rest der Welt sah sich auch Südtirol mit einer beispiellosen Ausnahmesituation konfrontiert, die nicht nur das Gesundheitswesen auf den Prüfstand stellte, sondern auch die Wirtschaft in die Bredouille brachte. Nichtsdestotrotz schaut die Politik, aber auch die Wirtschaftsverbände zuversichtlich in die Zukunft, wenn auch vorsichtig.

„Taten zählen mehr als Worte. Es geht jetzt darum, gemeinsam die richtigen Signale zu setzen. Wir brauchen Mut und Zuversicht, um wieder nach vorne zu gelangen und wir wollen weiter konkrete Maßnahmen setzen, um die Wirtschaft zu beleben und weiter Arbeitsplätze zu sichern”, unterstrich Arno Kompatscher bei einem Treffen zwischen Politik und Wirtschaft am 23. Juli in Bozen. Mit dabei waren auch Tourismus- und Landwirtschaftslandesrat Arnold Schuler sowie Wirtschaftsressortchef Armin Gatterer, der den abwesenden Philipp Achammer vertrat.

Ob diese Zuversicht auf idealistischem Zweckoptimismus gründet oder eben buchstäblich Zuversicht, kann momentan nicht gesagt werden. Aber es bleibt angesichts der momentanen Zahlen wohl nichts anderes übrig, als auf die Zuversicht zu wetten.

Umsätze brechen ein – Arbeitsmarkt strauchelt

Denn sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer sehen momentan alles andere als rosigen Zeiten entgegen. Laut einer Studie des Nationalrats der Wirtschaftsprüfer mussten Italiens Unternehmen in den letzten sechs Monaten einen Umsatzrückgang von rund 20 % verkraften. Südtirol gehört zu jenen Regionen, die diesen Durchschnitt die Stange hält, beläuft sich das Defizit hier sogar auf rund 21 % und einem Rückgang von circa 3,2 Milliarden Euro. „Simulationen bezüglich der Umsatzverluste von Unternehmen zeichnen ein beunruhigendes Bild. Hiesige Unternehmen sehen sich einer gefährlichen Situation für deren Zukunft ausgesetzt“, unterstreicht Claudio Zago, Präsident der Kammer der Wirtschaftsprüfer und Steuerberater der Provinz Bozen zur Veröffentlichung der Studie Anfang Juli.

Arbeitnehmern bietet sich für ihre schwierige Situation ein weniger konkreteres und zudem viel verworreneres Bild. Viele befinden sich noch in den Lohnausgleichskassen, wobei nicht jeder schon sein Geld bekommen hat. Andere haben ihren Job gänzlich verloren. Wie die Arbeitsmarktstudie der Beobachtungsstelle für den Arbeitsmarkt hervorhebt, war der Durchschnittsbestand an unselbstständigen Beschäftigten im Juni im Vergleich zu 2019 um 7,5 % gesunken. Nach wie vor trägt diese Statistik zwar immer noch der Tourismus und das Gastgewerbe mit einem Minus von 44,3 %, aber ob der Wichtigkeit der Branche ist gerade diese Zahl ein nicht zu vernachlässigender Aspekt. Und das Verweilen in der Lohnausgleichskasse ist ganz sicher kein Indikator dafür, dass man seinen Arbeitsplatz irgendwann wieder einnehmen kann, wie die kürzlich losgetretene Kündigungswelle nach Kurzarbeit bei Swarowski in Tirol zeigt.

Infektionszahlen bei Nachbarn steigen

Ein Bild der aktuellen Situation, das der Politik und den Vertretern der Wirtschaftsverbände durchaus bekannt ist, während man wohl mit Argwohn und etwas Angst auf die nächsten Monate blickt. Eine zweite Welle der Pandemie ist nicht auszuschließen, ein zweiter Lockdown muss jedoch vermieden werden. Entwicklungen bei unseren Nachbarn lassen dabei die Sorgenfalten etwas tiefer ausfallen, denn in Österreich und sogar im Trentino steigen wieder die Infektionszahlen. 20 waren es gestern in der Provinz Trient, 170 in Österreich, wobei sich in Vorarlberg ein neues Cluster herauskristallisiert hat. Entsprechend reagiert man jenseits des Brenners und führt wieder eine umfassendere Maskenpflicht ein.

Und auch Immuni, eines der wenigen Mittel, das eine gewichtige Stütze im Kampf gegen das Virus sein sollte, nimmt nicht wirklich an Fahrt auf. Stand 20. Juli konnte die App gerade einmal 4,5 Millionen Downloads aufweisen.

Der rücksichtslose Faktor Zeit

Im Haushalt wurden 516 Millionen Euro für Mindereinnahmen zweckgebunden, die einerseits auf die Reduzierung des Bruttoinlandsprodukts zurückzuführen seien, aber sehr eng auch mit Unterstützungen für die Wirtschaft zusammenhängen, beispielsweise den Erlass der Gemeindeimmobiliensteuer GIS und anderer Abgaben, so Kompatscher. Außerdem seien Verhandlungen in Rom für zusätzliche Finanzmittel positiv verlaufen.

„Gemeinsam müssen wir entscheiden, wie wir eine rasche Erholung Südtirols zustande bringen, um Branchen zu stärken und Arbeitnehmer zu unterstützen. Als Landesregierung müssen wir dafür notwendige Impulse geben”, lautete hingegen die Botschaft von Achammer an die Wirtschaftsvertreter. Zunächst aber der wohl wichtigste Satz, der diese undurchsichtige Situation auf den Punkt bringt und alle Maßnahmen und das vorher Gesagte relativiert: Die weiteren Möglichkeiten des Landes dürften aber nicht überschätzt werden. Denn, so Landesrat Achammer, “auch in den nächsten Monaten sind wir gefordert”.

Nun denn: Der Wille und – natürlich – die Zuversicht scheinen gegeben. Es verbietet sich hier jedoch ein abschließendes Fazit zu ziehen. Denn das obliegt dem wohl objektivsten, momentan konkretesten, aber auch rücksichtslosesten Faktor, den es gibt: der Zeit.

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