App Immuni: Kein Grund zur Sorge

Andreas Inama
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Seit 15. Juni steht die App Immuni des Gesundheitsministeriums zum Identifizieren von mit dem Coronavirus infizierten Personen zum Download bereit. Die App, die über die Bluetooth-Funktion auf Smartphones herausfindet, ob man sich in der Nähe von Personen mit Covid-19 aufgehalten hat, spaltet seit jeher die Geister. Noch bevor überhaupt konkrete Pläne standen, dass eine App zum Tracking eingeführt wird, um so Infektionsketten schneller nachverfolgen zu können, hatte das Vorhaben einen regen Diskurs in der Öffentlichkeit ausgelöst.

Geschürt wurde der zum großen Teil negativ geführte Diskurs vom Misstrauen der Menschen gegenüber der Regierung in Rom. Man traut der Politik nicht, man will ihr die eigenen Daten nicht überlassen – die Angst vor Missbrauch überwiegt. Nun scheint dieses Misstrauen auch dafür zu sorgen, dass Immuni wohl als Flop abgestempelt werden muss.

Umfrage bestätigt Abwärtstrend

Stand 22. Juni 2020 haben nur 3,3 Millionen Italiener die App Immuni heruntergeladen. Das sind nur rund 6 % der erwachsenen Bevölkerung (also des Anteils der Bevölkerung über 14 Jahre). Dabei soll die Bereitschaft, die App herunterzuladen, laut einer Umfrage des Marktforschungsportals EMG Aqua seit Ende Mai sogar von 17 % auf 22 % gestiegen sein. Jedoch verzeichnet die Umfrage auch einen weiteren Zuwachs, der weniger Optimismus verbreitet: Ganze 24 % der Befragten werden die App „wahrscheinlich nicht herunterladen“. Das bedeutet wiederum einen Zuwachs von acht Prozentpunkten, waren es Ende Mai doch nur 16 %.

Nun denn: Worauf lässt sich die Skepsis der Bevölkerung zurückführen? Immerhin ist man sonst doch nicht so erpicht darauf, seine Daten vor den Großkonzernen dieser Welt wie Amazon, Facebook oder Google zu verstecken. Im Gegenteil. Man nimmt sogar hin, dass Google jederzeit weiß, wo man sich aufhält, Amazon kann aus dem Kaufverhalten der Personen Rückschlüsse zu den Gewohnheiten seiner Kunden ziehen und Facebook häuft ohnehin seit nun knapp 15 Jahren Daten ohne Ende an, mit denen sie ohne Weiteres ein ziemlich genaues Profil jedes einzelnen Benutzers zusammenstellen könnten. Und das ist nur ein Bruchteil dessen, was die Tech-Riesen damit anstellen könnten. Ein Argument, das aber schon so alt und älter als die Idee der App selbst ist und daher seine Gültigkeit seinen Weg ins Argumentationsnirvana genommen hat.

Wenige Daten, viel Aufklärung

Man kann Rom nicht vorhalten, dass man nicht seit Anfang an auf absolute Transparenz gesetzt hat. Sei es im Umgang mit der Notsituation rund um das Coronavirus selbst, sei es bei der Verkündung der App. Immer wieder wurde in Informationskampagnen darauf hingewiesen, persönliche Daten würden niemals gespeichert. Um das zu unterstreichen, wird man auch bei der Installation der App penibel dazu aufgeklärt. Öffnet man die App zum ersten Mal, erscheinen Pop-up-Fenster, die so umfangreich wie nötig dazu aufklären, welche Daten gesammelt werden und welche nicht. Noch bevor darauf eingegangen wird, was Immuni überhaupt macht. Unterm Strich muss man zugeben: Die Menge der Daten ist vernachlässigbar. Keine Namen, kein Alter, kein Geschlecht, keine Kontaktdaten.

Geschichtliche Ressentiments

Laut einer rechtsphilosophischen Theorie geht das Misstrauen der Italiener gegenüber staatlichen Institutionen auf die Geschichte des Stiefelstaats der letzten rund 500 Jahre zurück. Der Norden erweist sich aufgrund der zahlreichen Wechsel der Machtgefüge zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert, als man als Spielball zwischen den Spaniern, den Franzosen und den Habsburgern herhalten musste, als gebranntes Kind. Es hat sich so ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Obrigkeiten festgesetzt. Der Süden hingegen hat dem Norden bis heute noch nicht verziehen, dass man damals durch Garibaldi und Konsorten mehr oder weniger erobert wurde. Und wenn man so will, kann die aktuelle Institution Italien durchaus als Erbe der damaligen Machthaber gesehen werden, auch wenn wir seit rund 75 Jahren keine Monarchie mehr sind. Zumindest besteht der Staat Italien seit Mitte-Ende des 19. Jahrhunderts mit Abstrichen in seiner jetzigen Form. Dieses Misstrauen manifestiert sich seit jeher gegenüber politischen Prozessen. Auch dieser bildet keine Ausnahme.

Verschwörungstheorien

Erwähnenswert ist auch ein Trend, der sich während Corona weltweit festgesetzt hat. Fake News und Verschwörungstheorien lauern hinter jeder Ecke des Netzes. Sie sind zum Großteil abstrus und grotesk, doch viele Menschen fühlen sich mit den Erklärungen in ihrem Unbehagen gegenüber der Politik bestätigt. Nun kommt mit Immuni eine Grundlage daher, die fruchtbares Terrain für durchaus plausible Verschwörungstheorien bietet. Eine App als Startschuss für totale staatliche Kontrolle und der Begrenzung unserer demokratischen Freiheiten? Eine Diskussion, die nicht nur in Italien ihre Befürworter findet. Gerade weil sich solche Ängste schon während des Lockdowns in den Köpfen der Bevölkerung festgesetzt hatten. Und aus objektiver Sicht ist ein solches Szenario möglich.

Kein Grund zur Sorge

Liest man sich jedoch etwas genauer ein, muss man den Köpfen hinter Immuni attestieren, dass man sich zumindest sehr viele Gedanken dazu gemacht hat, wie man die Privatsphäre der User schützt. Sowohl die Funktionen der App als auch die Erklärungen dazu lassen durchblicken, dass man sich mit der App vom Vorwurf eines Überwachungsstaates so gut wie möglich distanzieren will. Dem User wird nämlich nur ein Code zugewiesen, der mehrmals in der Stunde gewechselt wird. Geolokation gibt es keine, die App nutzt nur die Bluetooth-Funktion, kein GPS. Daher sind Rückschlüsse zum Standort der Nutzer nicht möglich. Außerdem werden die Daten nur für sehr kurze Zeit gespeichert. Am 31. Dezember sollen die Daten endgültig gelöscht werden. Sollte man durch die App erfahren, dass man mit einer infizierten Person in Kontakt gekommen ist, liegt es an der Eigenverantwortung des Nutzers, sich zu isolieren oder den Arzt aufzusuchen. Die Furcht, ein Kommando des Sanitätsbetriebs könnte in einer Nacht- und Nebelaktion vor der eigenen Haustür auftauchen, ist daher auch unbegründet. Ein weiterer Aspekt, der dies unterstreicht, ist die Tatsache, dass man das Projekt einer privaten Firma – der Mailänder Webagentur Bending Spoons – übertragen hat. Es erscheint eher fragwürdig, dass man ein vermeintliches Spionagetool von einem privaten Unternehmen lauter junger Köpfe entwickeln lässt, das damit in eine nationale Verschwörung eingeweiht wird.

Innovationsministerin Paola Pisano führt die schlechte Performance der App auf die erst kürzlich abgeschlossene Testphase und die noch ausstehende Kommunikationskampagne zurück. Es wird sich zeigen, ob sich das italienische Volk doch noch überzeugen lässt und ob die auch durch eingeschränktes technologisches Verständnis genährten Zweifel an der Integrität des Staates langsam schwinden. Ansonsten wird eine gut durchdachte Idee zum Flop – und der Öffentlichkeit wird eine wichtige Grundlage für den Umgang mit der Pandemie entzogen. Besonders im Hinblick einer möglichen zweiten Welle.

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