App IO: Das digitale Gegenmittel zur Bürokratie

Andreas Inama
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Italien führt seinen Weg Richtung Digitalisierung fort. Nachdem die Regierung mit Immuni relativ schnell eine App als Hilfe bei der Identifizierung von Infizierten zum Download bereitgestellt hatte, hat Rom nun schon den nächsten Clue auf der Startrampe: die App IO sagt der italienischen Bürokratie den Kampf an.

Seit einigen Wochen geistert die Nachricht umher, Italien wolle per Gesetz Bürokratie abbauen und den Zugang zu öffentlichen Ämtern und Dienstleistungen erleichtern. Dass dabei eine App sofort Abhilfe schaffen soll, haben sich die wenigsten erwartet. Italien wird in der Öffentlichkeit wahrlich nicht als der technologische Innovator schlechthin angesehen, schon gar nicht, wenn es darum geht, die eigenen verworrenen Prozesse zu erleichtern. Im Gegenteil: Zu Beginn der Pandemie, als es darum ging, Freiberuflern die ihnen zustehenden 600 Euro auszuzahlen, begann alles damit, dass der Server des INPS nicht funktionierte. Nicht selten macht eine digitale Vorgehensweise die Sache in Italien nur noch komplexer.

User-centric

Doch wie sich zeigt, macht man sich schon seit 2018 Gedanken darüber, wie man den Bürgern auf digitalem Wege entgegenkommen könnte. Und genau deswegen hat man bei IO mit einem Konzept gearbeitet, dass auf zweierlei Ebenen greift: den User-Centric-Mode. Die App und natürlich auch die angebotenen Dienstleistungen sind auf den User konzentriert. Somit auch alle Ämter, was – wie die Website zu IO selbst hervorhebt – zuvor nicht der Fall war. Je nach Anliegen mussten Herr und Frau Bürger auf verschiedenste Ämter gehen, um anschließend im Chaos an Unterlagen den Überblick zu verlieren. Das soll sich mit IO ändern, die Ämter „kommen zum Bürger“.

Doch was kann die App alles? Und was in den Augen vieler noch viel wichtiger sein könnte: Was weiß die App alles? Achtung Spoiler: Sie weiß sehr viel – aber nicht zu viel.

Zahlreiche Daten – wenig Sorgen

Die App IO ist sowohl auf dem Play Store von Google als auch dem App Store von Apple zu finden und lässt sich relativ schnell herunterladen. Öffnet man die App das erste Mal, wird man dazu eingeladen, sich anzumelden. Die Anmeldung kann nur über SPID (sistema pubblico di identità digitale) abgeschlossen werden. Dazu muss man zunächst die eigene E-Mail-Adresse angeben. Hat man das alles geschafft, zeigt die App auf, welche Daten verwendet werden. Zunächst etwas wenig Verwunderliches: die Steuernummer (codice fiscale). Damit fallen eigene Angaben zu Namen, Geburtsort und -datum sofort weg, die Informationen dazu bezieht die App direkt aus der Zahlenfolge. Überraschenderweise wird auch die Telefonnummer registriert. Was angemerkt werden muss: Man darf nicht selbst auswählen, welche Daten IO bezieht. Diese werden nur zur Kenntnisnahme des Nutzers aufgelistet, ändern kann man daran nichts.

Das würde aber auch dem Sinn der Sache nicht gerecht werden, handelt es sich doch um eine staatliche Dienstleistung zur Abwicklung staatlicher Dienstleistungen. Man offenbart dem Staat nichts Neues.

Das Interface

Anschließend scheint ein Pop-up-Fenster auf, das die Berechtigung zum Senden von Mitteilungen anfragt. Ja oder nein, diesmal darf man selbst wählen. Als logische Konsequenz erwartet man sich das nächste Pop-up, in dem der Standort abgefragt wird. Jedoch erscheint dieses nicht. Die App setzt nicht auf Geolokation – somit folgt einem der Staat, genau wie bei Immuni, nicht auf Schritt und Tritt.

Das Interface ist sehr einfach und selbsterklärend aufgebaut. Der erste Reiter heißt „messages“ und sammelt alle Nachrichten, die eingehen, in der „Inbox“. Wichtig ist jedoch die zweite Rubrik des Postfachs. Es nennt sich „Expiring“. Dort werden alle Nachrichten abgelegt, in denen es um Zahlungsfristen geht.

Der zweite Reiter nennt sich „payments“. Es ist eine typische Seite zur Auswahl der Zahlungsmethode. Bei den auszuwählenden Methoden findet sich für Jedermann etwas: Bancomat Pay, PayPal, Postepay und Satispay stehen als Services zur Verfügung. Zudem kann man die Daten der Kreditkarte angeben. Dazu gesellt sich eine Option für Boni und Gutschriften. Bisher findet man darunter nur den „Bonus vacanza“. Die Urlaubsförderung für Personen, die ihren Urlaub in Italien verbringen, kann zudem ausschließlich über die App angefragt werden. Einerseits eine Motivation für die Menschen, die App herunterzuladen, andererseits wohl der erste Testlauf für die App, die aktuell noch Beta-Status besitzt.

Open-Source-Software

Der Reiter „services“ listet alle Dienstleistungen und Inhalte auf, worüber man informiert werden will. Zunächst sucht man sich die Gemeinde aus, von der man Infos und Benachrichtigungen erhalten will. In Südtirol hat laut Website bisher nur Meran den Dienst aktiviert. Jedoch wird die Gemeinde in der App noch nicht geführt. Einen Fingertipp weiter kann man sich auf nationaler Ebene informieren und gegebenenfalls die Benachrichtigungen aktivieren. Die Services sind zum Beispiel Schulgebühren, Steuern wie die IMU, Einschreibungen für Kindergärten, anagrafische Daten oder das Ablaufdatum der Idenitätskarte.

Der letzte Reiter „account“ lässt den Nutzer ganz klassisch alle Informationen zu seinem Account anpassen.

Eine interessante Randnotiz dürfte folgendes sein: Die Codes für die Funktionen und die Schnittstellen sind öffentlich und können für eigene Verwendungszwecke angefragt werden. Zudem kann man sich anmelden, um bei der Optimierung der App mitzuhelfen. Die Verwendung von Open-Source-Software soll der Transparenz gegenüber den Bürgern dienen. Um eine Mitarbeit zu ermöglichen, wurde sogar ein eigener öffentlicher Slack-Kanal eröffnet.

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