Kompatscher und Messner im Gespräch: Der Wunsch nach der eierlegenden Wollmilchsau

Andreas Inama
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Wir wollen mehr – und das soll mit weniger erreicht werden. Dies war der Grundtenor im Gespräch zwischen Landeshauptmann Arno Kompatscher und Reinhold Messner gestern bei Moderatorin Christine Lasta. Wir müssen uns unserer Identität und Authentizität bewusst werden, diese im Tourismus umsetzen, um anschließend eine entsprechende Wertschöpfung daraus zu generieren. Der rote Faden der Regionalität, der sich in diesem Gespräch durchzog, hat beim Zuseher durchaus Zuversicht aufkeimen lassen, dass man mit lokalen Werten das Bestmögliche erreichen kann. Doch gerade, als es um dieses Thema zentral ging, ließ sich in den Aussagen der beiden Gäste auch viel Widersprüchliches heraushören, wobei klar wurde, dass Regionalität auch mit einer Brise Egoismus gleichzusetzen ist.

Wir Menschen seien nicht allheilig, wir verfolgen unserer Nachhaltigkeitsstrategie auch aus ureigenem Interesse – die Worte des Landeshauptmanns gegen Ende der Runde, die letztendlich ein klares Statement gegen – oder gar ergänzend zu – seinen vorherigen Aussagen waren. Aussagen, die zunächst eher unbedingten, wenn nicht gar etwas naiven Altruismus gegenüber Natur und internationaler Gesellschaft implizierten. Aber falsch gedacht.

Das technologische Paradoxon

„Wir werden als letzte Maßnahme aus der Krise die Konjunktur wieder antreiben. Und das müssen wir als Chance wahrnehmen. Das heißt aber nicht, weiterzumachen wie zuvor. Neustart soll in diesem Sinne auch neu denken heißen. Neue Technologie, mehr regionale Produkte, kürzere Wege, Bewegungsmanagement optimieren. Dies alles, um letztendlich wieder zu entschleunigen.“ So schön dieser Gedanke ist, beinhaltet er ein Paradoxon, das die Menschheit schon seit jeher begleitet. Seit Anbeginn unserer Existenz wurden neue Technologien entwickelt, die uns dabei helfen sollten, gewisse Prozesse schneller abzuwickeln. Wenn diese Entwicklungen aber etwas nicht mit sich gebracht haben, dann Entschleunigung. Im Gegenteil, wie zum Beispiel die Entwicklung des Internets und alles, was drumherum einherging, beweisen.

Nehmen wir die Erfindung der E-Mail. Ein Prozess, der uns hilft, Briefe über elektronischem Wege in einem Zeitraum von Sekunden zu unserem Empfänger am anderen Ende der Welt zu schicken – etwas, dass in vordigitaler Zeit Tage, wenn nicht gar Wochen gedauert hat. Nun ist es nicht von der Hand zu weisen, dass dies unser Leben auf vielen Ebenen erleichtert – aber es keineswegs entschleunigt hat. Durch die kurzen Kommunikationswege hat besonders unser Arbeitsalltag umso mehr an Fahrt aufgenommen. Arbeit kann nun schneller verrichtet werden – und das wird dann auch erwartet. Denn nur durch Beschleunigung der Arbeitsprozesse beschleunigt man schlussendlich auch die Profitgenerierung. Ein Grundprinzip, das nun mal in einer kapitalistisch orientierten Gesellschaft wie der unseren vorherrscht und auch so akzeptiert ist.

Daher dünkt es seltsam, dass der Landeshauptmann gerade den technologischen Fortschritt als Bremse für unseren Alltag ins Feld wirft, um damit eine Weiterentwicklung unseres Umgangs mit dem Tourismus in Gange zu setzen.

Südtiroler Kultur für die Welt

Auch sein Gesprächspartner Reinhold Messner schlägt in die gleiche Kerbe, wenn auch aus einem anderen Blickpunkt. Auch er sieht in der Krise eine große Chance: „Wir sind eine Bergdestination. Wir sollten keine Inszenierungen mehr in den Bergen machen. Man muss schon für eine neue Infrastruktur in den Bergen sorgen, aber nur begrenzt. Seilbahnen, die schon bestehen, sollen weitergeführt und gegebenenfalls verbessert werden, aber nichts Neues soll dazukommen. Die Menschen sollen sich in den Bergen verlieren, zur Ruhe finden. Wir müssen vom Prinzip des Overtourism wegkommen. Nach dieser Krise haben wir die Möglichkeit dazu, viele Hotspots in unserer Region zu entlasten.“

Laut dem Extrembergsteiger müssen wir beginnen, den Touristen unsere Geschichten zu erzählen; um damit das Narrativ des Ortes, für den sich der Tourist entschieden hat, in die Welt zu tragen. Dabei soll die Kultur auch über die orttypische Küche vermittelt werden. Eine Ode an die in Krisenzeiten immer wieder heraufbeschworene Regionalität. Eine Regionalität, die jedoch ein klares Ziel vor Augen hat – Südtiroler Kultur international zugänglicher zu machen: „Wir müssen mehr lokale Produkte anbieten, damit sie den Weg auf den internationalen Markt finden.“ Also Regionalität und Nachhaltigkeit ja, aber dann doch nicht?

Der Weg zur Bergdestination Nr. 1

Es ist ein Widerspruch, der wie ein kleiner, störrischer Südtiroler Weinfleck auf einem weißen Hemd das eigentlich fast visionär und humanistisch angehauchte Gespräch befleckt. Man darf den beiden zugegeben großartigen Rednern nicht unterstellen, dass sie ihre Worte nicht ernst meinen. Zu jeder Zeit vermitteln sie glaubhaft, dass ihrem Handeln das Wohl der Gemeinschaft zugrunde liegt. „Die Touristen sollen die Stadt nicht in die Berge bringen“, besteht Messner und will damit ausdrücken, dass Südtirol mit seiner atemberaubenden Berglandschaft als Ruhepol zum urbanen Tohuwabohu herhalten kann. „Die Nachhaltigkeit ist in unserem ureigensten Interesse, auch auf ökonomischer Ebene. Wenn wir entschleunigen, uns auf unsere Stärken konzentrieren, was echt, wichtig, authentisch ist, dann leben wir auch besser und am Markt erfolgreicher“, wie Kompatscher zum Schluss nochmal unterstreicht.

Die Menschen, die Südtirol besuchen, sollen Zugriff auf alternative Verkehrsmittel haben, um auf das Auto verzichten zu können. Damit soll sie einerseits nachhaltig Urlaub machen, andererseits aber auch ihren Urlaub entsprechend auf sich wirken zu lassen. Diese abstrakten Gedanken werden auch von einem konkreten Konzept begleitet, sei doch ein nachhaltiger Tourismus einer der großen Ziele dieser Legislaturperiode, wie Kompatscher hervorhebt. Und es soll Südtirol als Tourismusregion auf ein neues Level heben und uns zur „globalen Bergdestination Nr. 1“ machen.

Der Wunsch nach der eierlegenden Wollmilchsau

Man kauft es den beiden ab, dass hier der Mensch, sei es der Südtiroler selbst, sei es der Tourist, mehr in den Mittelpunkt gerückt werden soll. Und auch, dass man gerade das zaghafte Öffnen der Grenzen von Seiten anderer Länder – südtirolspezifisch Österreich – als Möglichkeit betrachten kann, eine neues Tourismuskonzept auf den Prüfstand zu stellen. Und es ist auch mehr als recht, dass der Profitgedanken eine große Rolle spielt. Denn auch wenn die Sorgen groß sind, sowohl der Landeshauptmann als auch Messner gehen davon aus, dass unser Tourismus auch diesen Sommer starten wird – wenn auch an gewissen Bedingungen geknüpft.

Doch gleichzeitig kommt man nicht umher, in den Aussagen Messners latenten Idealismus und bei Kompatscher verkapptes Profitbewusstsein zu vernehmen. Unbestreitbar eine gute, wenn nicht gar löbliche Symbiose, die so zum Beispiel auf politischer Ebene auch bezüglich anderer Aspekte bei Konservativen und Liberalen selten auftretende Eintracht fördern würde – Umweltbewusstsein und Profit, beides unter dem Deckmantel der Regionalität? Sozusagen eine tourismus-politische eierlegende Wollmilchsau.

Der Teufelskreis

Aber gerade die Politik, wie wir sie kennen, zeigt, dass so gemeinsame Lösungen nicht einfach funktionieren, gerade weil sie an vielen Berührungspunkten zu stark aneinander reiben. Und so gibt es sich auch mit dieser umweltfreundlichen-gewinnorientierten Strategie. Damit wären wir wieder bei den Begriffen der Beschleunigung und Entschleunigung: Denn während eine umweltfreundliche Strategie eine gewisse Entschleunigung voraussetzt, kann wirklicher Profit im Vergleich zu den letzten Jahrzehnten, in denen unser Tourismus boomte, nur dann erzielt werden, wenn wir wieder Wege finden, Prozesse zu beschleunigen – und so automatisch den Arbeitsalltag.

Christine Lasta, die hervorragend durch das Gespräch geführt und mit klugen, wenn auch etwas unkritischen Fragen, substanziell zu einer gelungenen Gesprächsrunde beigetragen hat, versuchte zu guter Letzt, das Gesagte in einem Satz zusammenzufassen: „Schneller, höher, weiter hat ausgedient – nun ist weniger mehr?“ Nicht ganz. Es fehlt ein wichtiges Element, das diese Schlussfolgerung ad Absurdum führt und zu einem Widerspruch in sich selbst macht. Der von Kompatscher und Messner vorgegebene Weg heißt nämlich: Schneller, höher, weiter hat ausgedient – mit weniger ist mehr zur globalen Bergdestination Nr. 1. Ein Teufelskreis.

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