Der FC Südtirol in der Coronakrise: Licht aus!

Andreas Inama
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Während in Südtirol, Italien und ganz Europa die Wirtschaft stillsteht, suchen Unternehmen aller Sparten händeringend nach Lösungen, das eigene Geschäftsmodell auf die aktuelle Situation anzupassen. „Sich neu erfinden“ und „Paradigmenwechsel“ sind Stichworte, die derzeit in Unternehmen den Diskurs bestimmen.

Dabei erwiesen sich die Vertreter verschiedener Branchen als äußerst kreativ: Der Sportartikel- und Sportbekleidungshersteller Salewa hat sich als Retter in der Not erwiesen und seine Produktion – wenn auch nicht ganz ohne Nebengeräusche – auf Schutzbekleidung umgestellt. Ähnliches plant auch die Durst Group in Brixen.
Das Südtiroler Innovationsviertel NOI Techpark hingegen inszeniert sich in der Krise gekonnt als stabiler Anker für Wirtschaft und Bevölkerung, indem es mit kostenlosen Coachings und Webinars Tipps gibt, wie diese Phase am besten zu bewältigen ist.
Ein Marketingkniff, der unter dem Radar fliegt, aber dennoch durch seine geniale Einfachheit glänzt, ist Salto.bz gelungen. Das Südtiroler Nachrichtenportal ist eine Kooperation mit dem Unterhaltungsmedium der Stunde, watten.org, eingegangen und organisiert wöchentlich ein Promi-Watten mit Persönlichkeiten aus Politik und Unterhaltung. Das „Blatt“ beweist damit nicht nur Sinn für Humor, sondern auch unternehmerische Weitsicht, indem es dadurch sicher einige Sympathien gewonnen hat und gleichzeitig eine neue Zielgruppe erschließt. Guerilla-Marketing vom Feinsten.
Mit diesen Maßnahmen beweisen diese Unternehmen, von welch fundamentaler Wichtigkeit der Begriff „Paradigmenwechsel“ trotz seines derzeit inflationären Gebrauchs ist.

Doch gibt es Branchen, in denen von diesem Paradigmenwechsel nicht die Rede sein kann – ganz einfach deswegen, weil er schlicht und ergreifend nicht herbeizuführen ist. Zum einen das große Sorgenkind, der Tourismus. Zum anderen der Sport.

Ungewissheit als Grundtenor

Die Sportwelt lebt von ihrer Reichweite. Sie lebt davon, dass sie ihren Sponsoren Sichtbarkeit verleiht und dadurch fürstlich entlohnt wird; dass Veranstaltungen in den Medien übertragen werden und die Berichterstattung Sportfans an das Produkt bindet. Und sie lebt, indem sie Stadien füllt, um mit den Tickets Einnahmen zu generieren. Doch bedeutet Reichweite in diesem Sinne gleichzeitig automatisch Massenansammlungen und damit Infektionsherde wie aus dem Bilderbuch.

Besonders betroffen sind kleine Profivereine, wie wir sie in Südtirol mit dem FC Südtirol und den HC Bozen Foxes vorfinden. Ihr höchstes Gut, ihre Spieler, sind zur Isolation verdammt. Spiele werden bis auf Weiteres keine mehr ausgetragen. Die Eishockeysaison wurde endgültig abgebrochen, der Fußball befindet sich im Stand-by-Modus. Sowohl für die Eiswelle als auch für das Drususstadion lautet die Devise momentan: Licht aus! „Es läuft momentan gar nichts!“, bringt es Walter Baumgartner, Präsident des FC Südtirol, auf den Punkt, „Wir wissen nicht, wie es weitergeht“, ist die Aussage, die als Grundtenor immer mitschwingt.

Wenn auch von Vereinen die Rede ist, sind die Teams im Profibereich allesamt Unternehmen. Der FC Südtirol zum Beispiel ist eine GmbH. „Wir sind ein Unternehmen und müssen wie jedes Unternehmen Steuern und Gehälter bezahlen – egal, ob gespielt wird oder nicht. Der Zuschauerausfall trifft uns hart und auf TV-Gelder können wir nicht zählen.“ Zwar kann in Rungg davon ausgegangen werden, dass man in den Genuss staatlicher und regionaler Hilfen kommt, auch die internationalen und nationalen Verbände planen Maßnahmenpakete. Es fallen aber die relativ hohen Gehälter ins Gewicht, die so ein Verein seinen Profis und Funktionären auszahlt.

Wird wieder gespielt?

Die italienischen Profiligen können sich derweil aufgrund der Umstände nicht auf eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs festlegen. Sieht man das ganze auf europäischer und globaler Ebene, ist die Sachlage noch verworrener: Jedes Land hat in der Bewältigung der Krise seine eigenen Regeln, seinen eigenen Rhythmus, was sich wiederum auf die europäischen Wettbewerbe auswirkt: Die können nur stattfinden, wenn auf nationaler Ebene Sieger und Qualifikanten feststehen. „Wir sind auch davon abhängig, wie andere Staaten auf diese Krise reagieren. Es gibt sportpolitisch sehr unterschiedliche Auffassungen, auch zwischen den einzelnen Profiligen“, unterstreicht Baumgartner und weist direkt auf die nächste Problematik hin: „Nehmen wir an, die Meisterschaft wird abgebrochen. Wer steigt auf, wer ab? Wie wertet man die Meisterschaft?“ Fragen, die weiter unnachgiebig auf die Geldbörse drücken. Viele Sponsoren sind vertraglich nur für eine gewisse Liga gebunden. Bei einem direkten Abstieg oder verpassten Aufstieg können sie sich daher zurückziehen. Zumal es auch schwer abzusehen ist, ob die Sponsoren selbst überleben, und wenn, ob sie die Mittel aufbringen können, weiterhin solche Ausgaben zu tätigen, die ein Sponsorendeal mit sich bringt.

Nichtsdestotrotz ist es durchaus möglich, dass sich irgendwann Konsens bildet und die Wettbewerbe wieder aufgenommen werden können. Während die Granden des italienischen Fußballs alle Hoffnung daraufsetzen, die Saison vor leeren Rängen zu Ende zu spielen, sodass zumindest TV-Gelder in die Vereinskassen fließen, so ist dieser Lösungsweg für den kleinen Profiverein nur ein schwacher Trost. Sollte dieser Fall eintreten, stehen viele Klubs sogar vor der nächsten Hürde, wie Baumgartner erklärt: „Sollte es weitergehen, dann mit den Auflagen, die von der Politik und ihren medizinischen Beratern beschlossen werden. Das wird sehr teuer und wäre finanziell für viele Vereine in der Lega Pro, aber auch in der Serie B nicht zu stemmen.“

Unter anderem deswegen, weil auch hier eine wichtige Einnahmequelle wegfällt: Der FC Südtirol befindet sich auf Play-off-Kurs. Die K.o.-Spiele am Ende der Saison erwiesen sich dabei immer wieder als zuverlässiger Publikumsmagnet. Sollten sie dieses Jahr ausgetragen werden, dann mit hoher Wahrscheinlichkeit vor leeren Rängen.
Dass in der Serie A wieder angepfiffen wird, liegt indes nicht nur im Interesse der Klubs der höchsten italienischen Spielkasse. Immerhin handelt es sich teilweise um millionen-, gar milliardenschwere Unternehmen, deren Steuerabgaben der Staat in der kommenden Wirtschaftskrise gut gebrauchen könnte. Außerdem wäre es ein Zeichen an die von der Ausgangssperre gebeutelten Bevölkerung, dass langsam, aber sicher wieder Normalität einkehrt. „Sagt die Serie A, wir müssen weitermachen, dann wird gespielt“, legt sich Baumgartner fest.

Der Schleier der Ungewissheit

Wie so vieles leidet auch der Fußball unter dem Schleier dieser kafkaesken Ungewissheit, der sich über die Welt gelegt hat; er hat sich in diesem Schleier geradewegs verfangen: „Da wir nicht wissen, wie es mit der Meisterschaft weitergeht, können wir auch nicht sagen, ob wir Gehaltskürzungen vornehmen müssen und können. Es hängt viele noch in der Luft, da unsere Meisterschaft nicht zu Ende ist und nicht klar ist, ob wir sie beenden können”, erklärt Baumgartner und legt den Kern des Problems offen: „Eine Neuerfindung ist nicht möglich.

Doch der Klub setzt wie so viele Unternehmen in diesen Wochen auf Durchhalteparolen: „Es ist nicht leicht, aber wir sind als Verein so aufgestellt, dass wir, egal wie es kommt, immer eine Lösung finden. Wir machen das Beste daraus, nutzen alle Möglichkeiten. Es besteht aber sicherlich nicht die Gefahr, dass es den FC Südtirol irgendwann nicht mehr gibt. Wir haben in der Vergangenheit immer gesund gewirtschaftet. Den Rest zeigt uns die Zukunft.“

Eine Zukunft, die sich momentan sehr undurchschaubar gibt: Die Flutlichtanlagen bleiben im Drusustadion bis auf Weiteres ausgeschaltet. Spielt der Klub dieses Jahr nicht mehr, sieht es düster aus; wird die Meisterschaft wieder aufgenommen, wird die Zeit zeigen, ob man mit den strikten Auflagen und der Causa rund um Sponsoren- und Spielerverträge dennoch etwas aufatmen kann. Es bleibt nichts als Hoffnung. Ansonsten droht dem FC Südtirol und damit einem der Aushängeschilder des Südtiroler Sports wie vielen anderen wohl endgültig: Licht aus!

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