„Die Schließung ist das Produkt jahrelanger Begleitumstände“

Andreas Inama
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Die Lebenshilfe Südtirol ist ein nicht-gewinnorientierter Verband, der Menschen mit Beeinträchtigung in allen Lebenslagen in ihrem Bestreben nach einem selbstbestimmten Leben unterstützt. Dabei führt der Verband Einrichtungen im Auftrag der Bezirksgemeinschaft und verschiedener Ämter des Landes – hauptsächlich der Abteilung für Sozialwesen, aber auch des Amtes für Schulfürsorge. Darüber hinaus bietet die Lebenshilfe ein breites Programm an Therapien, Freizeitveranstaltungen, Urlaubsangeboten, Wochenendentlastungen, Beratungsdiensten und Diensten für unterstützte Kommunikation an. Nicht zuletzt hat der Verband seit 2008 das Inklusionshotel Masatsch geführt, das vor wenigen Tagen endgültig geschlossen hat, was durch Medienberichte eine Welle der Enttäuschung im Land ausgelöst hat. Im Interview mit Alto Adige Innovazione erzählt der Geschäftsleiter der Lebenshilfe Südtirol, Wolfgang Obwexer, wie es dazu kommen konnte und was aus den 30 Mitarbeitern des Hotels wird.

Herr Obwexer, fassen sie uns bitte die letzten Wochen rund um die Schließung von Hotel Masatsch zusammen.

Ich möchte vorausschicken, dass die Schließung keine Frage der letzten Wochen war. Es ist das Ergebnis einer Entwicklung, die uns schon seit Jahren begleitet. Das Hotel ist 2008 als soziale Einrichtung mit zwei Zielen eröffnet worden: Arbeitsinklusion für Personen mit Beeinträchtigung und barrierefreier Urlaub. Von Anfang an gab es Budgetprobleme, denn es musste viel investiert werden: Wir mussten Zimmer und das Restaurant ausbauen, dazu andere Renovierungsarbeiten. Wir haben einen Teil der Geldmittel vom Land erhalten, aber ein Teil wurde von der Lebenshilfe aus eigener Tasche bezahlt. Das Problem dabei war, dass wir das in ein Gebäude investieren mussten, das uns nicht gehört, sondern dem Land. Daher sind Abschreibungskosten ohne reellen Gegenwert entstanden. Die Führungskosten mussten in diesen zehn Jahren immer querfinanziert werden, die Einnahmen allein haben sie nicht tragen können. Dabei ist die Entlohnung der Mitarbeiter mit Beeinträchtigung nicht allzu sehr ins Gewicht gefallen, denn dafür haben wir Beiträge erhalten.

Auch die Zone war nur bedingt gewinnbringend.

Ja, das Hotel hat sich mit Kaltern in einer Region befunden, wo der Tourismus ein Sommergeschäft zwischen Ostern und Oktober ist. Wir hatten aber das ganze Jahr geöffnet, um den Menschen mit Beeinträchtigung einen ständigen Arbeitsplatz zu garantieren. Ein weiterer Aspekt ist die Tatsache, dass wir das Hotel als Verein geführt haben und nicht zum Beispiel als Familienbetrieb. Dabei sind einige Vorteile – zum Beispiel bürokratischer Natur – weggefallen.

Also darf man annehmen, dass es Masatsch in dieser Form auch ohne Corona nicht mehr lange gegeben hätte?

Ja, genau. Die Coronakrise allein war nicht ausschlaggebend, das Hotel ist schon seit jeher mit finanziellen Mitteln am Rande der Möglichkeiten querfinanziert worden. Der Trend ging schon länger dahin, dass wir uns eingestehen mussten: Wir schaffen das nicht mehr. Die Coronakrise hat letztendlich den totalen Einbruch mit sich gebracht. Die staatlich veranlasste Schließung hat viele Stornierungen nach sich gezogen, wie es im ganzen Land der Fall war. Das Defizit wäre nicht mehr tragbar gewesen.

Sie haben zahlreiche Investitionen aufgezählt, darunter auch welche, die man in einem konventionellen Hotel auch tätigen muss. Was waren neben diesen und jenen rund um die barrierefreie Gestaltung zusätzliche Investitionen, die man in einem normalen Betrieb nicht tätigen muss?

Wir haben zu Beginn einen älteren Bau übernommen, den wir von oben bis unten renoviert haben. Wir mussten das Gebäude erst zu einem Hotel machen. Das Schwimmbad ist dazugekommen und ein Neubau mit zusätzlichen Zimmern. Wir haben das Restaurant erweitert, das ursprünglich nur ein kleines Bistro im Erdgeschoss war. Die beiden Küchen im Haus wurden zusammengelegt. Und wir haben auch Seminarräume dazu gebaut. Zu guter Letzt aber eben die Umbauten, um die Barrierefreiheit zu garantieren: Das Gebäude war früher eine Sonderschule. Wir haben aus den großen Klassenzimmern Zimmer gemacht, die für Menschen mit Beeinträchtigung ausgelegt waren.

Inwiefern war die Provinz in der Projektplanung involviert?

Wir haben zunächst alles mit den zuständigen Körperschaften abgesprochen. Aber es gibt eine Vorgeschichte, denn das Haus ist nicht zufällig unter die Obhut der Lebenshilfe gekommen. Es ist der Ersatz für ein Ferienhaus in Riva am Gardasee, das zum Teil auch dem Land gehört hat. Das hat man dann an die Provinz Trient verkauft, aber nicht ohne uns zu versprechen, dass es einen Ersatz in Südtirol geben wird. Und so ist Masatsch ins Spiel gekommen. Wir haben es dann vom Land gepachtet und wir haben vereinbart, dass wir diese beiden Ziele, Arbeitsinklusion und barrierefreier Urlaub, umsetzen. Für die Arbeitsinklusion haben wir einen Beitrag vom Amt für Menschen mit Behinderung erhalten, aber auch für den Umbau haben wir finanzielle Mittel erhalten.

Gab es Zusatzangebote, die Mehrkosten generiert haben?

Vom Angebot waren wir ein gewöhnliches 3-Sterne-Hotel. Als solches haben wir es auch präsentiert. Es gab ein Restaurant, ein Schwimmbad, aber ansonsten haben wir keine Zusatzangebote wie Therapien oder Ähnliches angeboten. Wir haben dort als Lebenshilfe des Öfteren Wochenendentlastungen im Hotel organisiert. Das war aber kein explizites Angebot im Programm. Das Hotel bestach durch seine Barrierefreiheit und der Tatsache, dass wir Menschen mit Beeinträchtigung einen festen Arbeitsplatz garantieren konnten. Außerdem war das Team so geschult, dass es keine kommunikativen Barrieren gab. Zum Beispiel haben wir auf eine vereinfachte Sprache geachtet, damit Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung sich problemlos orientieren und alles verstehen konnten. Das hat Masatsch letztendlich auch ausgezeichnet.

Laut eigenen Angaben zählte Masatsch jedes Jahr 12.000 Übernachtungen. Was hat gefehlt, das Hotel, wenn nicht zu einem rentablen, zumindest zu einem tragbaren Projekt zu machen?

Ich kann Ihnen sagen, was es am Ende vom Jahr inklusive Abschreibungskosten gekostet hat: Jedes Jahr musste Masatsch im Schnitt mit 200.000 Euro querfinanziert werden. Diese Zahl berücksichtigt aber nicht, dass wir die Personalverwaltung, Buchhaltung und technische Unterstützung kostenlos abgewickelt haben.

Kommen wir zum Personal: In Masatsch arbeiteten 30 Mitarbeiter.

Genau, 30 Mitarbeiter, darunter zehn mit Beeinträchtigung, die über den Arbeitsservice eingestellt worden sind und gleichberechtigt wie alle anderen entlohnt wurden, das darf nicht vergessen werden.

Nun haben sie aber ihre Arbeit verloren. Haben diese Menschen etwas, was sie in dieser Situation auffängt?

Ja, auch hier gilt die Lohnausgleichskasse wie für alle Mitarbeiter. Diese Quelle werden wir solange nutzen, solange es der gesetzliche Rahmen zulässt. Wir hoffen, dass der Staat die Verlängerung der Lohnausgleichskasse mit dem nächsten Dekret vorsieht. Zudem gab es für die zehn Integrationsmitarbeiter einen pädagogischen Betreuer. Den haben wir beauftragt, sie in dieser Zeit zu begleiten und zu betreuen. Außerdem soll er als Bindeglied zwischen ihnen und der Bezirksgemeinschaft, den Sozialsprengeln, dem Arbeitsamt uns so weiter fungieren.

Ist das das endgültige Aus für Masatsch oder werden andere Möglichkeiten für die Zukunft sondiert?

Es finden derzeit Gespräche mit dem Land statt und wir überlegen, wie es mit dem Haus weitergehen kann. Das Projekt in der Form wie bisher ist sicherlich abgeschlossen. Es sind viele Gelder vom Sozialfond in das Gebäude geflossen, daher will man es auch weiterhin für das Sozialwesen nutzen. Es gibt schon Ideenansätze, aber nichts Konkretes.

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