XUND bleiben: Wie ein App unser Gesundheitssystem revolutionieren will

Andreas Inama
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Husten, Halsschmerzen, ein dröhnender Kopf – viele Menschen neigen dazu, bei den kleinsten Anzeichen einer Krankheit Google aufzusuchen und eine Selbstdiagnose zu stellen. Man tippt bei Dr. Google die Symptome ein und voilà: Man leidet unter Ebola, wahrscheinlich angetrieben durch eine AIDS-Erkrankung. Natürlich kann es auch einfach eine kleine Grippe sein, aber gerade bei Google finden gerne Hypochonder zusammen, um anschließend virtuell ihr Ende vorherzusehen.

„Laut einer Bertelsmann-Studie  informiert sich jeder Zweite mindestens ein Mal im Monat vor dem Arztbesuch über seine Gesundheit“, erklärt Lukas Seper. Seper ist ein junger Unternehmer und Head of Growth bei XUND aus Wien, der mit seinen zwei Partnern Tamás Petrovics, CEO, und Dr. Zoltán Tarabó das Projekt ins Leben gerufen hat. Obwohl es noch als Start-up eingestuft ist, zählt das seit 2018 bestehende Unternehmen schon 14 Mitarbeiter. Außerdem gibt es neben dem Hauptsitz in Wien sogar noch ein Büro in Budapest.

Als App für Sie oder API-Lösung für das System

Doch was ist XUND eigentlich? Das kommt darauf an, aus wessen Sicht man das Produkt betrachtet. Für den Otto-Normal-Verbraucher ist es eine App, die sozusagen wie ein Gesundheitsassistent funktioniert. Analog zu einem Arztgespräch geht die App auf die Beschwerden des Users ein. Unter Berücksichtigung anderer Daten wie Alter, Geschlecht und Krankheitsgeschichte trifft das System dann eine Einschätzung und grenzt mögliche Krankheitsbilder ein. Der User gibt seine Symptome ein und die App spuckt ein Ranking aus, zu welchen Krankheitsbildern sie passen. Anhand dessen wird eine Empfehlung abgegeben: Soll der Patient zum Arzt oder reicht der Gang in die Apotheke? Die App würde damit Google als ersten Ansprechpartner ablösen und darüber hinaus auch noch medizinisch anerkannt sein, wie Seper erklärt: „Es ist sicherlich nicht Googles Anspruch, als Diagnosetool verwendet zu werden. Außerdem wird es sich bei XUND um ein Medizinprodukt der Klasse I handeln. Der Prozess ist noch am Laufen, aber es dürfte nur eine Frage weniger Wochen sein.“

Doch auch Ärzte, gar das ganze Gesundheitssystem, haben die Österreicher ins Auge gefasst: Neben der B2B2C-Lösung, die für den User kostenlos ist, kommt auch eine API-Anbindung für B2B auf den Markt. Diese Schnittstelle verzweigt dann den Arzt, aber auch Versicherungen, Gesundheitsinstitutionen und Krankenhäuser mit der Medical Engine von XUND. Diese können darüber auf eine umfangreiche Datenbank zugreifen, die ihnen bei einer Diagnose zur Hand geht. „Durch eine Kooperation mit der Technischen Universität Wien haben wir darüber hinaus unsere Medical Engine um Künstliche Intelligenz (KI) erweitert. Das System kann so in kürzester Zeit Millionen Publikationen durchforsten, analysieren und extrahiert die nötigen Information für unsere Ärzte. Ein einzelner Arzt würde für diese Rechenleistung mehr als 420 Jahre brauchen.“ Eine lange Zeit – vor allem in Anbetracht dessen, dass es in Gesundheitsfragen oftmals nicht schnell genug gehen kann.

Notaufnahmen entlasten

Nicht umsonst sind Notaufnahmen oft überlastet. Gerade in Südtirol war das vor Corona ein heißes Thema, das besonders bei der Bevölkerung immer wieder für Unmut gesorgt hat und mittlerweile zum Politikum geworden ist. Mit diesem System wäre es möglich, Menschen von einem überhasteten Gang in die Notaufnahme abzuhalten. „Aber nicht nur Notaufnahmen“, erzählt Seper, „wir haben hier in Österreich die Gesundheitshotline 1450, in der es momentan teilweise kein Durchkommen gibt. Auch hier könnten wir Abhilfe schaffen: Wir wären eine Art digitale Ersteinschätzung und Vorqualifikation. Nachdem das System Gesundheitsprofil und die Symptome analysiert hat, wird dem User eine UID zugeteilt, die einem Zeitfenster gleichkommt. Anstatt ewig in der Linie warten zu müssen, können sich die Patienten zur festgelegten Zeit einfach zurückrufen lassen.“

Doch gerade bei der Abgabe von Daten bezüglich der eigenen Gesundheit scheiden sich die Geister: Einerseits ist eine umfangreiche Datenbank zu der eigenen Krankheitsgeschichte für Diagnosen sehr praktisch, andererseits handelt es sich dabei um sehr sensible Daten, die besser nicht in die falschen Hände geraten. Eine potenzielle Zielgruppe des jungen Unternehmens, Versicherungen, dürften vor allem Datenschützern ein Dorn im Auge sein. Ein Umstand, der dem XUND-Team bewusst ist: „Es werden jedem nur jene Daten gegeben, die für dessen Augen bestimmt sind. Für Versicherungen hat XUND vor allem einen verwaltungstechnischen Vorteil, um ihre Versicherten effektiv durch das Gesundheitsangebot zu navigieren.“

Datenschutz garantiert

Tatsächlich agiert hinter den Kulissen ein ausgeklügeltes System, um die Daten der Nutzer sicher zu verwahren. Die Daten werden in Health Tresors gespeichert und Ende-zu-Ende-verschlüsselt – das alles völlig losgelöst von XUND. Somit behält der User die Verwaltungshoheit über seine Daten und muss sich keine Sorgen machen, dass es zum Missbrauch kommt. In Planung befindet sich momentan auch eine Blockchainlösung, die jeden Zugriff genau protokolliert und nachvollziehbar macht.

Man stellt sich in Zeiten wie diesen natürlich die Frage, wie es sein kann, dass XUND nicht schon in der Notsituation rund um Covid-19 den Markteinstieg gewagt hat. Man möchte meinen, dass gerade jetzt die Nachfrage nach solch einem Produkt nicht größer sein kann.

Die Antwort ist ganz einfach: Covid-19 sorgt immer noch für eine Menge Fragezeichen in der Welt der Medizin. Eine zuverlässige Diagnose, noch dazu von einem digitalen Instrument, hätte nicht gewährleistet werden können; dazu ist die Informationslage zur Symptomatik noch nicht ausreichend gesichert. Außerdem dreht sich der Diskurs momentan eher darum, wie man sich vor dem Virus schützen kann – eine gezielte Behandlung konnte noch nicht entwickelt werden. Neben diesem reiht sich aber auch noch ein zweiter Aspekt ein, wie Seper erläutert: „Wir wollen den Markteintritt nicht machen, bevor wir nicht als medizinisches Produkt zertifiziert sind. Sollten wir es jetzt schon anbieten, dann wäre eine nachträgliche Zertifizierung schwer argumentierbar.“ Für die erwartete zweite Welle im Herbst will man mit einer Lösung aufwarten.

Hohe Investments – auch aus Südtirol

Nichtsdestotrotz dürfte mittlerweile klar sein, dass XUND auf den Markt kommen wird. Das liegt nicht zuletzt auch an einem Investment, das direkt aus Südtirol seinen Weg nach Wien gefunden hat. Erst kurz vor Ausbruch der Krise hat das Unternehmen mitgeteilt, ein Investment im hohen sechsstelligen Bereich erhalten zu haben. Neben der Haselsteiner Familien-Privatstiftung des österreichischen Baulöwen und Wahlsüdtirolers Hans-Peter Haselsteiner haben sich auch einige Business Angels des Investoren-Netzwerks Tyrolean Business Angels um Durst-Group-Besitzer Harald Oberrauch dazu entschieden, das Projekt zu unterstützen.

„Das Problem, das wir lösen, ist die Gesundheitskompetenz der User zu stärken. Außerdem wollen wir auch eine bessere Orientierung im Gesundheitswesen zur Verfügung stellen und Nutzer, die es beanspruchen wollen, besser kanalisieren.“ Alles Dinge, die Dr. Google in seinem Businessplan wohl nicht vorgesehen hat. Das Konzept klingt sehr vielversprechend und – vor allem – sehr brauchbar. Bis die App und die API-Lösung bereit sind, vergeht aber noch ein Weilchen. Bis dahin: Bleiben Sie XUND.

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